Die staatlichen Eingriffe in die Lieferketten der Halbleiterindustrie nehmen historische Züge an. Was wir gerade erleben, ist wohl die folgenschwerste industriepolitische Maßnahme seit dem CHIPS Act. Federführend dabei: Handelsminister Howard Lutnick und Präsident Trump, die massiv Druck für neue Intel-Partnerschaften aufgebaut haben. Wie der Host John Coogan in einem kürzlichen Segment von TBPN minutiös nachzeichnete, traf sich Lutnick wiederholt mit Größen wie Tim Cook, Elon Musk und Jensen Huang, um sie zu einer Zusammenarbeit mit Intel zu drängen. Der Höhepunkt dieser Bemühungen war ein Treffen im Weißen Haus, bei dem Trump höchstpersönlich für den Chipriesen warb und Tim Cook unmissverständlich mitteilte: „Ich mag Intel.“
Das Ergebnis dieser massiven politischen Flankierung und einer zehnprozentigen Staatsbeteiligung ließ nicht lange auf sich warten. Laut Coogan katapultierte diese Entwicklung die Intel-Aktie von dümpelnden 20 bis 21 US-Dollar auf schwindelerregende 125 US-Dollar pro Anteilsschein.
Was die nackten Intel-Zahlen wirklich verraten
Trotz all der politischen Euphorie lohnt ein nüchterner Blick in die Bücher. Intel (NASDAQ: INTC) meldete für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2026 einen Umsatz von 13,577 Milliarden US-Dollar und übertraf damit die Markterwartungen um immerhin 9,22 Prozent. Besonders die strategisch wichtigen Bereiche zeigten Muskeln: Der Umsatz mit Data Center und AI kletterte im Jahresvergleich um 22 Prozent auf 5,05 Milliarden US-Dollar. Die Intel Foundry-Sparte wuchs um 16 Prozent auf 5,42 Milliarden US-Dollar.
CEO Lip-Bu Tan ordnete diese Zahlen geschickt in den breiteren KI-Kontext ein. Die nächste KI-Welle werde die Intelligenz näher an den Endnutzer bringen – die Reise gehe weg von den reinen Foundation-Modellen, hin zu Inference-Workloads und agentenbasierten Systemen. Wer sich allerdings die GAAP-Zahlen ansieht, wird im offiziellen 8-K-Bericht über eine saftige Restrukturierungsbelastung von 4,07 Milliarden US-Dollar stolpern, die hauptsächlich auf eine Wertminderung des Firmenwerts bei Mobileye zurückzuführen ist. Das trübt das Papierbild, auch wenn die Bruttomarge gleichzeitig auf ordentliche 41,0 Prozent anstieg.
Für das zweite Quartal rechnet das Management mit einem leichten sequenziellen Rückgang: Die Prognose liegt bei 13,8 bis 14,8 Milliarden US-Dollar Umsatz und einem Non-GAAP-Gewinn je Aktie von 0,20 US-Dollar bei einer Bruttomarge von rund 39,0 Prozent. Begründet wird dieser Dämpfer mit einem veränderten Produktmix und den massiven Anlaufkosten für den 18A-Fertigungsprozess. Das Treuhandkonto des CHIPS Acts und die Bundesbeteiligung hängen weiterhin als unsichtbares Damoklesschwert über dem Unternehmen. Die Chefetage hat zudem offen kommuniziert, dass der 14A-Node pausiert werden könnte, sollte die Kundennachfrage ausbleiben.
Gleichzeitig sendet Intel aber auch starke Signale der Stärke. Das Unternehmen kaufte die 49-prozentige Minderheitsbeteiligung an seiner Fab 34 in Irland zurück und schloss sich dem Terafab-Konsortium neben Schwergewichten wie SpaceX, xAI und Tesla an. Die Botschaft ist klar: Die Foundry-Roadmap wird mit massivem Kapitaleinsatz verteidigt und nicht etwa still und heimlich abgewickelt.
Warum Apple zwingend eine zweite Foundry brauchte
Die vorläufige Einigung zwischen Apple und Intel, über die das Wall Street Journal am 8. Mai nach über einem Jahr zäher Verhandlungen berichtete, ist in erster Linie eine Frage der Geografie. Zukünftig sollen Chips für das iPad Pro und das Einstiegs-MacBook Air auf Intels 18A-Node gefertigt werden. Für Apple geht es schlicht um Risikominimierung. Tim Cook hatte bereits gewarnt, dass der Mac mini und das Mac Studio noch Monate bräuchten, um ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage zu erreichen.
Ein 4,3-Billionen-Dollar-Gigant wie Apple kann es sich strategisch einfach nicht leisten, auf unbestimmte Zeit von Taiwan als alleinigem Lieferanten abhängig zu sein. Die Dimensionen sprechen für sich: Im zweiten Geschäftsquartal 2026 erwirtschaftete Apple (NASDAQ: AAPL) einen Umsatz von 111,18 Milliarden US-Dollar. Allein das iPhone trug 56,99 Milliarden bei, während die Servicesparte mit 30,98 Milliarden einen Allzeitrekord aufstellte. Mit 29,58 Milliarden US-Dollar Quartalsnettogewinn und einem brandneuen Aktienrückkaufprogramm im Volumen von 100 Milliarden US-Dollar hat Apple definitiv das nötige Kleingeld und das strategische Motiv, einen heimischen Foundry-Partner querzufinanzieren – selbst wenn dieser bei den hochmodernen Nodes noch in der Anlaufphase steckt.
Konzentration auf wenige Gewinner: Der Zehn-Aktien-Markt
Wir bewegen uns zunehmend in einer Wirtschaft, die von wenigen Playern dominiert wird. Coogans Analyse bringt es auf den Punkt: Die „AI Big Ten“ – also die Magnificent 7 plus AMD, Broadcom und Micron – machen mittlerweile 40 Prozent des gesamten Marktes aus. Eine derartige Marktkonzentration gab es zuletzt in der Eisenbahn-Ära. Die Performance-Unterschiede sind schlichtweg erdrückend.
-
NVIDIA (NASDAQ: NVDA): Sitzt unangefochten auf dem Thron mit einer Marktkapitalisierung von 5,23 Billionen US-Dollar. Im vierten Quartal lag der Umsatz bei 68,13 Milliarden US-Dollar (ein Plus von 73,2 Prozent im Jahresvergleich), während die Aktie auf Jahressicht 83,39 Prozent zulegte.
-
AMD (NASDAQ: AMD): Verzeichnete im ersten Quartal 10,25 Milliarden US-Dollar Umsatz (Data Center wuchs um 57 Prozent). Die Aktie schoss im Jahresvergleich um astronomische 347,58 Prozent in die Höhe.
-
Broadcom (NASDAQ: AVGO): Erzielte 8,40 Milliarden US-Dollar allein mit KI-Chips – mehr als eine Verdopplung zum Vorjahr. Die Aktie steht bei einem Plus von 108,62 Prozent.
-
Micron (NASDAQ: MU): Führt die Rallye mit einem schwindelerregenden Zuwachs von 779,18 Prozent an.
Die Zahlen belegen eindrucksvoll: Während die KI-Wirtschaft laut zitierten Analysen um 31 Prozent wuchs, stagnierte die restliche Non-KI-Wirtschaft bei mageren 0,1 Prozent. Auch wenn das die BEA-Branchenkonten vielleicht etwas überspitzt darstellt, spiegelt es die knallharte Preisaktion dieser zehn Titel wider.
Wie Analysten und Insider das Spektakel bewerten
Auch das große Geld positioniert sich neu. Institutionelle Investoren und Hedgefonds halten mittlerweile 64,53 Prozent der Intel-Aktien. Diverse Vermögensverwalter haben im letzten Quartal ordentlich zugegriffen: May Hill Capital sicherte sich 8.424 Anteile, Legacy Bridge und Raleigh Capital Management stiegen mit kleineren Positionen neu ein. Provenance Wealth Management stockte um knapp 90 Prozent auf, und HighMark Wealth Management vergrößerte seine Position sogar um satte 177,7 Prozent.
Die Analystengilde ist sich derweil alles andere als einig. KGI Securities stufte Intel kürzlich von „Outperform“ auf „Neutral“ herab mit einem Kursziel von 71,00 US-Dollar. Die Royal Bank Of Canada bleibt bei einem neutralen Rating und sieht den Kurs bei 80,00 US-Dollar. Citic Securities hingegen sieht Potenzial, stufte das Papier auf „Buy“ hoch und hob das Kursziel von 38,90 auf 60,30 US-Dollar an. UBS hält sich mit einem Kursziel von 51,00 US-Dollar eher bedeckt. Das aktuelle Konsensrating lautet „Hold“ bei einem durchschnittlichen Kursziel von 77,38 US-Dollar – was angesichts der massiven Kurssprünge fast schon veraltet wirkt.
Spannend ist auch der Blick auf die Insider. Am 7. Mai 2026 schlugen gleich acht Intel-Direktoren zeitgleich zu und sicherten sich Stammaktien, zumeist in Blöcken von 12.552 Stück, die an Vesting-Ereignisse gekoppelt waren. Auf der anderen Seite nahm Executive Vice President April Miller kurz zuvor, am 1. Mai, ordentlich Gewinne mit. Sie stieß 40.256 Aktien zu einem Durchschnittspreis von 99,53 US-Dollar ab – ein satter Deal über knapp 4 Millionen US-Dollar. Damit reduzierte sie ihren Anteil um 27,7 Prozent, hält aber immer noch Papiere im Wert von über 10 Millionen US-Dollar. Aktuell befinden sich lediglich 0,05 Prozent der Unternehmensaktien im direkten Besitz von Insidern.