Seit Monaten schwelt nun schon der Abwehrkampf der Commerzbank gegen die Begehrlichkeiten aus Mailand. Geht es nach Konzernchefin Bettina Orlopp, dürfte der Übernahmeversuch durch die italienische UniCredit jedoch ins Leere laufen. Grund zur Panik sieht man in der Frankfurter Zentrale jedenfalls nicht. Orlopps pragmatische Sicht der Dinge ist unmissverständlich: Eine Fusion ist schließlich kein Selbstzweck. Sie muss für Aktionäre, Belegschaft und Kunden echten Mehrwert schaffen – und genau den sucht man auf dem derzeitigen Bewertungsniveau schlicht vergebens.
Tatsächlich gleicht das Vorgehen der Italiener eher einem taktischen Zermürbungskrieg. Nach und nach hat sich die Bank um CEO Andrea Orcel einen Anteil von gut 26 Prozent gesichert, weitere drei Prozent sind über Finanzinstrumente geparkt. Dicht unter der magischen 30-Prozent-Schwelle, ab der ein offizielles Pflichtangebot für alle Anteile fällig würde, legte Mailand kürzlich ein umstrittenes Tauschangebot vor: 0,485 neue UniCredit-Aktien für jedes Commerzbank-Papier. Das Kalkül dahinter ist transparent. Mailand will den eigenen Anteil kostengünstig ausbauen, ohne gleich eine teure Komplettübernahme stemmen zu müssen. In Frankfurt stößt diese Offerte, die zudem mit einem spürbaren Abschlag auf den aktuellen Aktienkurs einhergeht, auf eisige Ablehnung. Rückendeckung kommt dabei vom Bund, der selbst noch rund 12 Prozent hält. Orlopp degradiert die italienischen Pläne ziemlich trocken zu einer reinen „Schrumpfungsstrategie für unser Geschäftsmodell“.
Um die eigenen Aktionäre bei der Stange zu halten und einen Verkauf ihrer Papiere unattraktiv zu machen, flüchtet das Institut derweil nach vorn. Mit ehrgeizigen Renditezielen bis 2030 und einem klaren Umbauplan soll die Eigenständigkeit gesichert werden. Rund 3.000 Stellen fallen dabei weg, wobei ein entscheidender Treiber hierbei Künstliche Intelligenz ist. Die Wucht der neuen Technologie schlage in diversen Unternehmensbereichen weit stärker durch, als man das noch vor einem Jahr für möglich gehalten hätte. Der Abbau soll jedoch so sozialverträglich wie möglich über die natürliche Demografie abgefedert werden; betriebsbedingte Kündigungen will das Management unbedingt vermeiden. Stattdessen setzt man den Rotstift radikal bei externen Call-Center-Kapazitäten und IT-Dienstleistern an, um die eigentliche Kernbelegschaft unangetastet zu lassen.
Das vermeintliche Hauptargument der Italiener – massive Synergieeffekte – wischt Orlopp ohnehin vom Tisch. Angesichts enormer Überlappungen im operativen Geschäft und erheblicher Umsetzungsrisiken stehe dieses Versprechen auf äußerst wackeligen Beinen. Vielmehr dreht die Managerin den Spieß um und baut der UniCredit eine goldene Brücke für den Ausstieg. Ein gesichtswahrender Rückzug wäre für Orcel jederzeit machbar und obendrein hochlukrativ. Da sich der Kurs der Commerzbank-Aktie im laufenden Jahr mehr als verdoppelt hat, habe sich das Engagement für Mailand bereits mehr als ausgezahlt. Man könne den Frankfurter Markt genauso geräuschlos und kursschonend wieder verlassen, wie man gekommen sei.
Bis sich etwas bewegt, verharrt die Situation im Stand-by. Gespräche finden zwar statt, bewegen sich aber laut Orlopp strikt im Rahmen alltäglicher Investorendialoge – mal sitzt Andrea Orcel mit am Tisch, mal nicht. Für echte Verhandlungen bedarf es eines grundlegenden Kurswechsels aus Italien. Erst wenn Mailand signalisiert, das Bewertungsniveau deutlich nachzubessern und ernsthaft über das Geschäftsmodell zu diskutieren, würde sich der Vorstand mit dem Angebot überhaupt detailliert befassen. Wer durch eine Tür gehen will, muss den ersten Schritt machen. Der Ball liegt jetzt ganz klar bei der UniCredit.