Für Millionen von Online-Shoppern war es lange Zeit ein unverständliches Ärgernis: Der unangefochtene Marktführer im E-Commerce, Amazon, und der beliebteste Bezahldienst des Internets, PayPal, fanden einfach nicht zueinander. Wer auf der dominierenden Handelsplattform einkaufte, musste an der virtuellen Kasse auf das blaue PayPal-Logo verzichten. Doch diese starren Fronten, historisch gewachsen durch PayPals lange Zugehörigkeit zum Amazon-Konkurrenten eBay, beginnen nun zu bröckeln. Gerade jetzt, wo der Zahlungsdienstleister an der Börse unter erheblichem Druck steht und Investoren händeringend nach positiven Signalen suchen, gelingt dem Konzern ein strategisch wichtiger Coup: PayPal bekommt erstmals einen Fuß in die Tür bei Amazon.
Der Venmo-Deal als strategischer Türöffner
Auch wenn der Kern-Service von PayPal vorerst weiterhin nicht direkt auf Amazon verfügbar sein wird, konnte das Unternehmen einen entscheidenden Vertrag für seine Tochtermarke Venmo abschließen. Ab dem kommenden Jahr soll der in den USA populäre Dienst auch für Einkäufe beim Versandriesen genutzt werden können. Diese Nachricht kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Bilanzen des Zahlungsdienstleisters alles andere als rosig aussehen.
Die Integration von Venmo mag auf den ersten Blick wie ein kleiner Schritt wirken, da sich der Dienst auf den US-Markt beschränkt. Doch die Symbolkraft ist enorm. Es ist das erste Mal, dass Amazon einen Teil des PayPal-Ökosystems akzeptiert, nachdem die einstige Verbindung zu eBay dies jahrelang verhinderte. Da die Trennung von eBay nun jedoch endgültig Geschichte ist, scheinen sich im Hintergrund neue Allianzen zu bilden. Sollte sich die Zusammenarbeit mit Venmo bewähren, ist es durchaus denkbar, dass eines Tages auch der klassische PayPal-Bezahldienst integriert wird – ein Szenario, von dem letztlich auch Amazon profitieren würde, da der Konzern stets bestrebt ist, den Bezahlvorgang so reibungslos wie möglich zu gestalten.
Vom Nischenprodukt zum Milliardengeschäft
Für deutsche Leser ist Venmo oft weniger greifbar, doch in den USA hat sich die App längst etabliert. Ursprünglich gestartet, um kleine Transaktionen im Freundeskreis abzuwickeln – etwa das Teilen einer Restaurantrechnung –, ist der Dienst diesem Stadium längst entwachsen. Inzwischen werden über die Plattform pro Quartal dreistellige Milliardenbeträge verschoben. Dass Amazon diesen Zahlungskanal nun öffnet, zeigt die gewachsene Relevanz der PayPal-Tochter.
Ernüchterung an den Finanzmärkten
Dieser operative Lichtblick ist für PayPal bitter nötig, denn der Blick auf den Aktienkurs der letzten zwölf Monate offenbart die massiven Herausforderungen, vor denen das Unternehmen steht. Während der breite Markt, gemessen am S&P 500, um 16 Prozent zulegen konnte, brach die PayPal-Aktie im gleichen Zeitraum um satte 33 Prozent ein. Investoren zeigen sich besorgt über das verlangsamte Umsatzwachstum sowie die unklaren Zukunftspläne des Managements.
Besonders schmerzhaft wiegt der Vergleich zwischen den einstigen Ambitionen und der Realität. Im Jahr 2021 gab PayPal das ehrgeizige Ziel aus, bis 2025 rund 750 Millionen aktive Konten zu erreichen. Die tatsächliche Entwicklung blieb weit hinter diesen Erwartungen zurück: Von 2021 bis Ende des dritten Quartals 2025 stieg die Zahl der aktiven Accounts lediglich moderat von 426 Millionen auf 438 Millionen an. Dieser Dämpfer, kombiniert mit makroökonomischem Gegenwind und inflationsbedingter Kaufzurückhaltung der Konsumenten, lastet schwer auf dem Kurs.
Die Folgen der eBay-Abkapselung
Ein wesentlicher Faktor für die jüngste Schwäche ist die nun vollzogene Abnabelung von der ehemaligen Muttergesellschaft eBay. Bereits 2018 kündigte das Online-Auktionshaus an, PayPal durch den niederländischen Konkurrenten Adyen als bevorzugten Zahlungsabwickler zu ersetzen. Zwar konnte PayPal den Verlust der eBay-Händler zunächst durch den enormen Boom digitaler Zahlungen während der Pandemie kompensieren, doch nun, da dieser Sondereffekt verpufft ist und die Trennung 2023 abgeschlossen wurde, werden die Risse sichtbar.
Die Konsequenzen schlagen sich direkt in den Kennzahlen nieder: Die Anzahl der Transaktionen war zuletzt vier Quartale in Folge rückläufig, und auch die sogenannte „Take Rate“ – also der Prozentsatz jeder Transaktion, den PayPal als Umsatz einbehält – sank. In einem Umfeld, in dem die Konkurrenz durch andere digitale Plattformen stetig wächst, muss PayPal nun beweisen, dass es auch ohne den ehemaligen Partner eBay und in einem schwierigeren Wirtschaftsumfeld wieder auf den Wachstumspfad zurückkehren kann. Der Deal mit Amazon könnte hierfür der erste, entscheidende Baustein sein.