Für Mastercard stehen die Zeichen offensichtlich auf radikalem Umbruch. Der Zahlungsdienstleister baut derzeit seine globale Infrastruktur massiv um und scheut dabei weder das Ende liebgewonnener Traditionen noch den direkten Angriff auf den größten Konkurrenten. Während sich Verbraucher hierzulande von einem vertrauten Logo verabschieden müssen, investiert der Konzern Milliarden in die digitale Zukunft.
Abschied von einem Klassiker
Seit nunmehr 30 Jahren ist das blaurote Maestro-Logo ein ständiger Begleiter auf deutschen EC-Karten. Jahr für Jahr griffen immer mehr Menschen an der Kasse zu dieser Karte und setzten damit stetig wachsende Summen um. Ab Juli ist damit Schluss. Banken werden dann keine neuen Karten mit dieser Funktion mehr ausgeben, da Mastercard das Maestro-System komplett abschafft. Für alle, die bevorzugt bargeldlos bezahlen, bringt das spürbare Veränderungen mit sich. Unter Umständen könnte der Zahlungsverkehr für die Kunden dadurch sogar teurer werden. Wer aktuell noch eine Maestro-Karte im Portemonnaie hat, muss diese allerdings nicht gleich zerschneiden, denn bestehende Karten behalten vorerst ihre Gültigkeit. Doch das Aus für Maestro ist nur ein Teil einer viel größeren Strategie.
Ein Milliarden-Deal verändert den Markt
Wie schnell sich die Dinge in der rasanten Welt der digitalen Zahlungen ändern können, zeigte sich Mitte März. Mastercard gab bekannt, das Londoner Stablecoin-Startup BVNK für rund 1,8 Milliarden US-Dollar übernehmen zu wollen. Für das im Vergleich zu Visa etwas kleinere Kreditkartennetzwerk ist das eine gewaltige Investition. Man verspricht sich viel von der neuen Technologie. Jorn Lambert, Chief Product Officer bei Mastercard, sieht in der Integration von Blockchain-basierten Zahlungswegen einen enormen Gewinn für das eigene Netzwerk. Dadurch ließen sich Geschwindigkeit und Programmierbarkeit für fast jede Art von Transaktion deutlich verbessern.
Visas überraschende Niederlage
Bemerkenswert an dieser Übernahme ist vor allem die Vorgeschichte. Noch im vergangenen Jahr hatte das fünf Jahre alte Startup BVNK lauthals eine Investition des Branchenprimus Visa gefeiert. Erst vor zwei Monaten sprach BVNK-Chef Jesse Hemson-Struthers von einem großartigen Start ins neue Jahr, getragen von der frischen Partnerschaft mit dem größten US-Kartennetzwerk. Auf der Unternehmenswebsite schwärmte er von der Zusammenarbeit mit dem weltweit vertrauenswürdigsten Zahlungsnetzwerk, um über die grenzüberschreitenden Schienen von Visa Direct schnellere und flexiblere Zahlungen zu ermöglichen. Auch Visa zeigte sich damals begeistert. Mark Nelsen, zuständig für Produkt- und Geldtransferlösungen bei Visa, betonte die gemeinsame Vision und die Notwendigkeit einer zuverlässigen Infrastruktur für die Ausweitung ihrer Stablecoin-Pilotprojekte. Nun ist BVNK in die Arme des direkten Rivalen geflüchtet.
Das Wettrüsten der Branche
Was genau nun mit der Verbindung zwischen BVNK und Visa passiert, bleibt offiziell unkommentiert. Ein Mastercard-Sprecher verwies lediglich darauf, dass die Transaktion erst später im Jahr abgeschlossen werde und Fragen dazu an BVNK oder Visa zu richten seien. Von dort gab es bislang keine Reaktionen. Patrick Gauthier, CEO von Convera und ehemaliger Visa-Manager, hat dazu eine klare Meinung. Er geht fest davon aus, dass Visa sich zurückziehen wird. Ein Gigant wie Visa binde sich ohnehin nicht an nur einen einzigen Anbieter. Tatsächlich arbeitet Visa auch mit dem Stablecoin-Infrastrukturunternehmen Bridge Network zusammen, das im vergangenen Jahr für 1,1 Milliarden Dollar vom Zahlungs-Newcomer Stripe gekauft wurde. Gauthier sieht in dem aktuellen Deal eher eine Reaktion von Mastercard auf Visas Vorstöße als umgekehrt.
Lukratives Spiel für Investoren
Neben Visa hatten noch weitere hochkarätige Geldgeber wie Haun Ventures, Tiger Global und Coinbase Ventures in das Startup investiert. Katie Haun, Gründerin von Haun Ventures, brachte die aktuelle Marktdynamik kürzlich in einem CNBC-Interview auf den Punkt. Sie beschrieb den Stablecoin-Sektor als echtes Wettrüsten im globalen Zahlungsverkehr. Wahrscheinlich hatte auch Visa die Chance, BVNK komplett zu übernehmen. Die erfahrenen Risikokapitalgeber im Hintergrund dürften jedoch geschickt genug gewesen sein, die Kartennetzwerke beim Unternehmensverkauf gegeneinander auszuspielen und so den Preis in die Höhe zu treiben. Hemson-Struthers, der CEO von BVNK, hat seine Loyalitäten jedenfalls schnell angepasst. In seinem neuesten Beitrag spricht er nun ausschließlich über das neue Abkommen mit Mastercard und bezeichnet den heutigen Tag als die bisher ehrgeizigste Phase ihrer Reise.