Die Talfahrt am Markt für digitale Vermögenswerte hat sich am Donnerstag dramatisch beschleunigt. Inmitten eines breit angelegten Ausverkaufs bei Risikoanlagen rutschte der Bitcoin-Kurs nicht nur unter die Marke von 80.000 US-Dollar, sondern durchbrach wenig später auch die psychologisch wichtige Schwelle von 70.000 US-Dollar.
Daten von CoinMetrics zeigen, dass die älteste und wichtigste Kryptowährung im Handelsverlauf bis auf 69.055,46 US-Dollar abrutschte. Dies markiert den tiefsten Stand seit November 2024. Zuletzt notierte der Bitcoin am Donnerstagvormittag (US-Ostküstenzeit) bei etwa 69.552 US-Dollar. Damit liegt der Kurs mittlerweile rund 40 Prozent unter seinem Rekordhoch von über 126.000 US-Dollar, das erst im vergangenen Oktober erreicht wurde. Auch andere Kryptowährungen wurden mit in die Tiefe gerissen: Ether, die zweitwichtigste Digitalwährung, verlor massiv an Boden und verbilligte sich zeitweise um fast zwölf Prozent auf 2.388 Dollar, während Ripple (XRP) noch stärkere Verluste hinnehmen musste.
Psychologische Hürden und technische Warnsignale
Marktbeobachter blicken nun besorgt auf die Charttechnik. James Butterfill, Forschungsleiter bei Coinshares, bezeichnete die 70.000-Dollar-Marke als „kritisches psychologisches Niveau“. Sollte sich der Kurs nicht stabilisieren, hält er einen weiteren Rutsch in den Bereich zwischen 60.000 und 65.000 US-Dollar für „durchaus wahrscheinlich“.
Erschwerend kommt hinzu, dass wichtige technische Indikatoren auf Sturm stehen. Laut einer Analyse von CryptoQuant ist der Bitcoin zum ersten Mal seit März 2022 unter seinen gleitenden 365-Tage-Durchschnitt gefallen. In den 83 Tagen seit diesem technischen Bruch hat der Kurs bereits 23 Prozent verloren – eine Entwicklung, die laut den Analysten sogar schlechter ist als in der frühen Bärenmarktphase von 2022.
Ein toxischer Mix aus Zinsängsten und starkem Dollar
Die Gründe für den massiven Preisverfall sind vielfältig, lassen sich jedoch auf eine veränderte makroökonomische Stimmung zurückführen. Ein entscheidender Belastungsfaktor ist der wieder erstarkte US-Dollar. Dieser legte spürbar zu, nachdem US-Präsident Donald Trump den ehemaligen Notenbanker Kevin Warsh als neuen Chef der Federal Reserve nominiert hatte. Unter den Marktteilnehmern geht nun die Sorge um, dass Warsh die Geldmenge im Finanzsystem verknappen könnte, was traditionell schlecht für spekulative Anlageklassen wie Kryptowährungen ist.
Diese Unsicherheit übertrug sich auch auf den Aktienmarkt. Ein breiter Ausverkauf bei US-Technologieaktien am Mittwoch sickerte nahtlos in den Kryptosektor durch. Während Kryptowährungen im vergangenen Jahr noch von der Euphorie getragen wurden, tun sie sich aktuell schwer, eine klare Richtung zu finden, und wurden zuletzt von den Kursgewinnen bei Gold und Aktien deutlich abgehängt. Selbst Edelmetalle blieben von der Volatilität nicht verschont: Silber stürzte am Donnerstag erneut ab, und auch der Goldpreis steht unter Druck.
Institutionelle Anleger ziehen die Reißleine
Besonders alarmierend für Krypto-Enthusiasten ist der Stimmungsumschwung bei den Großinvestoren. Hatten viele Anleger noch auf eine kryptofreundliche Regulierung unter Trump gehofft, entwickeln sich die Kurse nun entgegengesetzt zu diesen Erwartungen. „Die institutionelle Nachfrage hat sich materiell umgekehrt“, heißt es in einem Bericht von CryptoQuant. US-Börsenfonds (ETFs), die zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr noch 46.000 Bitcoin kauften, treten im Jahr 2026 bisher als Nettoverkäufer auf.
Maja Vujinovic, CEO für digitale Vermögenswerte bei FG Nexus, fasste die Lage gegenüber dem Nachrichtensender CNBC nüchtern zusammen: „Der geradlinige Bullenmarkt, den viele erwartet haben, ist bisher nicht eingetreten.“ Bitcoin werde nicht mehr durch Hype gehandelt; die Story habe etwas an Glanz verloren. Der Markt reagiere nun rein auf Liquidität und Kapitalflüsse – und diese fließen derzeit ab.
Die Folge sind massive Zwangsliquidationen: Wenn die Kurse bestimmte Schwellen unterschreiten, werden die Positionen von Händlern automatisch verkauft, was den Preisdruck weiter erhöht. Allein in dieser Woche wurden laut Daten von Coinglass Long- und Short-Positionen im Wert von mehr als 2 Milliarden US-Dollar liquidiert.