Das Börsenjahr 2025 endete für Intel auf den ersten Blick triumphal. Mit einem beeindruckenden Kursanstieg von 86 Prozent ließ der US-Halbleiterriese nicht nur den Erzrivalen AMD hinter sich, sondern übertraf zeitweise sogar die Performance der „Magnificent Seven“ im Big-Tech-Sektor. Doch hinter den grünen Vorzeichen an der Wall Street verbirgt sich eine komplexe Realität: Die vielleicht wichtigste Hausaufgabe des Konzerns bleibt weiterhin ungelöst.
Milliarden-Investitionen und ein neuer Kurs
Die positive Stimmung an den Märkten ist eng mit einem personellen Neuanfang verknüpft. Nachdem der ehemalige CEO Pat Gelsinger Ende 2024 seinen Posten räumen musste, übernahm im März dieses Jahres Lip-Bu Tan die Führung. Tan, der in der Branche als Schwergewicht im Bereich der Auftragsfertigung (Foundry) gilt, leitete umgehend einen strikten Sparkurs ein und nutzte sein weitreichendes Netzwerk, um das Vertrauen der Anleger zurückzugewinnen.
Unterstützt wurde dieser Kurswechsel durch massive Kapitalspritzen, die als Haupttreiber der Aktienrallye gelten. Die US-Regierung investierte aus Gründen der nationalen Sicherheit rund 9 Milliarden Dollar und sicherte sich damit eine Beteiligung von etwa 10 Prozent am Unternehmen. Dies unterstreicht Washingtons Strategie, die Abhängigkeit von asiatischen Lieferketten zu reduzieren und die heimische Chipindustrie zu stärken. Zusätzlich konnte Intel 5 Milliarden Dollar von Nvidia und 2 Milliarden Dollar von der japanischen SoftBank einsammeln.
Das Dilemma der Auftragsfertigung
Trotz dieser finanziellen Erfolge steht das Herzstück der neuen Intel-Strategie, das sogenannte Foundry-Geschäft, auf wackeligen Beinen. Um die defizitäre Fertigungssparte profitabel zu machen, benötigt Intel dringend Aufträge von externen Großkunden. Genau hier liegt jedoch das Problem: Bislang ist es dem Konzern nicht gelungen, einen der „großen Fische“ der Branche an Land zu ziehen.
Selbst das milliardenschwere Investment von Nvidia beinhaltete bezeichnenderweise keinen Vertrag zur Produktion von deren begehrten KI-Chips. Die potenziellen Großkunden – darunter Apple, Qualcomm und eben Nvidia – setzen weiterhin auf den taiwanesischen Marktführer TSMC, mit dem sie langjährige und technologisch eingespielte Partnerschaften pflegen. Dass TSMC derzeit eigene Produktionsstätten im Wert von 165 Milliarden Dollar in den USA errichtet, verschärft den Wettbewerbsdruck für Intel auf dem Heimatmarkt zusätzlich.
Vom technologischen Pionier zum Verfolger
Die aktuelle Situation ist das Ergebnis einer jahrelangen Entwicklung, in der Intel seine einstige Vormachtstellung verspielte. Als Erfinder des Mikroprozessors und der x86-Architektur dominierte das Unternehmen jahrzehntelang die Branche. Doch während Konkurrenten auf das „Fabless“-Modell umstiegen und die Produktion auslagerten, hielt Intel an eigenen Fabriken fest, verlor dabei jedoch den technologischen Anschluss bei den Fertigungsprozessen an TSMC. Gleichzeitig musste Intel im Kerngeschäft mit Server- und PC-Prozessoren signifikante Marktanteile an AMD und ARM abtreten.
Der Versuch des vorherigen CEO Gelsinger, das Ruder durch eine aggressive und kostspielige Öffnung der Fertigung für Dritte herumzureißen, verschreckte aufgrund der unsicheren Erfolgsaussichten zunächst die Investoren. Erst der nüchterne, pragmatische Stil von Lip-Bu Tan konnte die Wall Street wieder beruhigen.
Nüchterne Bilanz der Analysten
Experten bewerten die Lage daher mit vorsichtigem Optimismus, warnen aber vor verfrühter Euphorie. Brian Colello, Analyst bei Morningstar, merkt an, dass Intel das Jahr zwar mit der Hoffnung beendet, sich wieder als relevanter US-Chiphersteller zu etablieren, doch der entscheidende Beweis in Form eines großen Fertigungsdeals stehe noch aus.
Bob O’Donnell von Technalysis Research hebt hingegen die geopolitische Relevanz hervor: Intel verfüge über die mit Abstand größte Halbleiter-Infrastruktur eines US-Unternehmens, was den Konzern zu einem unverzichtbaren Baustein der amerikanischen Sicherheitsarchitektur mache. Ob dies jedoch ausreicht, um ohne echte Großaufträge im Foundry-Geschäft langfristig wirtschaftlich erfolgreich zu sein, wird sich erst in den kommenden Quartalen zeigen müssen.